Die besondere Kriegsgeschichte

Ein 4-jähriges Mädchen, Khadeja, wird in unseren TSP in Mossul gebracht. Gefunden wurde sie in einem Erdloch in der Altstadt, ihre Eltern sind tot. Plötzlich will der irakische Geheimdienst Khadeja mitnehmen, entgegen international geltendem Recht. Unser Team lässt diese Aktion nicht unwidersprochen und droht mit dem Abbau.
Gerhard Trabert, als Arzt vor Ort, hat via Facebook zeitnah von seinen Erlebnissen berichtet. Hier sind seine Postings als Blogbeitrag dokumentiert.

 

Die Altstadt von Mossul ist total zerstört. Man sieht die verheerende Auswirkung des Häuserkampfes. Bombentrichter, gesprengte Häuser, total zertrümmerte Autos, Busse und LKWs. In unsere Ambulanz werden schwerverletzte Soldaten und Zivilisten gebracht und natürlich kommen die ganz "normal" Kranken ebenfalls. Besonders viele Kinder die nicht mehr essen wollen. Sichtlich verstörte Kinder. Mitten in diesem Leid, in dieser von Menschenhand verursachten Zerstörung, dieser apokalyptischen Vernichtung von Leben und Lebensraum zu sein, erscheint unwirklich, skurril, unfassbar. Alles ist aber bittere Realität. Realität die sprachlos macht.

Uns wird ein 4- jähriges Mädchen ins mobile Hospital in Mossul geschickt. Die irakische Armee hat es in der Altstadt von Mossul aus einem Erdloch gezogen. Die Mutter und der Vater des Kindes sind IS-Kämpfer gewesen. Der Vater wurde durch eine Explosion getötet, die Mutter vor den Augen des Mädchens erschossen, als sie versuchte die irakischen Soldaten zu töten. Das kleine zierliche und unterernährte Mädchen mit ihren roten Pumuckelhaaren ist müde, verängstigt, erschöpft und hat zahlreiche Hautabschürfungen am gesamten Körper. Nach unserer körperlichen Untersuchung möchte der irakische Geheimdienst das Mädchen übernehmen und Verhören. Es spricht nur russisch, die Eltern kamen wohl aus Tschetschenien. Stefan, mein ärztlicher Kollege, vermittelt den irakischen Soldaten eindeutig, dass wir dies nicht akzeptieren werden. Es gibt eindeutige internationale Bestimmungen, dass unbegleitete Kinder einer internationalen zivilen Organisation, unter Information der UN bzw. dem UN Kinderhilfswerk UNICEF, zu übergeben sind.

 

Erste Verhandlungen
Es folgen zahlreiche kontroverse Diskussionen. Schließlich fahren Stefan und ich mit dem kleinen Rotschopf zu einem hohen irakischen Militär. Wieder wird diskutiert. Stefan fährt zu einem General um unseren Standpunkt vorzutragen. Ich warte mit unserem kleinen Patienten derweil in der Militärstation. Nach einer Stunde kommt Stefan zurück. Das Mädchen müsse bis zu einer endgültigen Entscheidung bei den Soldaten bleiben. Wir signalisieren dem Colonel, dass wir damit nicht einverstanden sind. Wir gehen schweren Herzens. Kurz vor unserem Jeep kommt ein Soldat zu uns und bittet uns nochmals zum Colonel zu kommen. Er signalisiert uns, das Mädchen solle doch selbst entscheiden wo es hin möchte. Sie zeigt deutlich, dass sie mit uns gehen möchte. Der Colonel willigt ein. Sie könne bis zur endgültigen Entscheidung bei uns bleiben. Ich spürte, während der Zeit in dieser Militärstation, dass es sämtlichen Soldaten unangenehm war, dass dieses Mädchen zum irakischen Geheimdienst gebracht werden soll. Sie brachten Plätzchen, eine Banane, einen kleinen Plastikhasen, und spielten auf ihrem Smartphone einen Comic ab, den sich Khadeja, so heißt unsere kleine Schutzbefohlene, anschauen konnte. Schön, dass der Colonel seinem Herz und nicht seinem Befehl gefolgt ist, an einem Ort wo ein brutaler Krieg ausgetragen wird. In unserem Camp angekommen wird dieser kleine Mensch geduscht, eingekleidet und bekommt endlich etwas zu essen. Unser gesamtes Team sind nun quasi, bis morgen, ihre "Adoptiveltern".

 

Kooperation auf der Kippe
Khadeja weinte immer wieder und sagte still vor sich hin: "Mama, Mama." Die Vorstellung, dass dieses kleine Wesen mit ansehen musste, wie ihre Mutter erschossen wurde, macht einfach nur sprachlos. Mit der Zeit entwickelte sie etwas Vertrauen zu uns. Sie kommt zu mir und setzt sich neben mir auf mein Feldbett, ihre Blicke versuchen jetzt schüchtern und vorsichtig mit meinen Blicken Kontakt aufzunehmen. Schließlich legt sie sich hin und schaut was ich da mache. Ich versuche auf meinem Notebook, ein pädagogisch wertvolles Video, zu finden. Schließlich entdecke ich die Sendung mit der Maus. Ich fühle mich Jahrzehnte zurückversetzt, eine Fernsehsendung die ich immer mit meinen Kindern angeschaut habe. Khadeja scheint sie zu gefallen. Ich glaube zumindest, in ihren Gesichtszügen ein erstes zaghaftes Lächeln erkennen zu können.

Plötzlich kommen wieder zahlreiche irakische Soldaten mit ihrem Vorgesetzten, ein Oberstleutnant in unser Camp. Er gibt uns zu verstehen, dass er dass Mädchen jetzt mitnehmen würde. Stefan, unser Head of Mission, kennt diesen Oberstleutnant. Er hatte schon mehrere unbegleitete Kinder in seiner Obhut, versprach diese an Hilfsorganisationen weiterzugeben, was aber nach unseren Recherchen sehr sehr wahrscheinlich nie geschehen ist. Stefan bespricht sich kurz mit uns. Wir sind uns alle sehr schnell einig, das Mädchen bleibt hier. Wir geben dem Oberstleutnant unmissverständlich zu verstehen, dass Khadeja bei uns bleibt, falls nicht, werden wir unsere Kooperation mit der irakischen Armee beenden und Mossul verlassen. Als Zeichen dafür, dass wir es verdammt ernst meinen stellen wir unsere Arbeit vorübergehend ein.

Der Oberstleutnant ist sichtlich verärgert, voller Zorn im Gesichtsausdruck und heftig fluchend verlässt er unser Camp. Geschafft, Khadeja bleibt. Schließlich schläft unsere kleine Schutzbefohlene ein. Immer wieder wacht sie in der Nacht, durch Alpträume geplagt, schreckhaft auf und ruft "Mama, Mama". Ich versuche sie zu beruhigen. Das gesamte Team schaut in dieser Nacht immer wieder nach diesem so furchtbar traumatisierten Mädchen. Khadeja weckt mich mitten in der Nacht, sie muss zur Toilette. Auch dies schaffen wir gemeinsam. Sie schläft wieder ein, wacht aber immer wieder auf, ist unruhig, redet im Schlaf , schreit, legt sich wieder hin. Diese fragile kleine Seele, die im Wirrwarr des Krieges droht zerrieben zu werden.

 

Wir bauen ab
Am Morgen arbeite ich wieder in der medizinischen Ambulanz. Schnell bildet sich eine große Schlange von Patienten. Viele Kinder, Babys, Frauen und vereinzelt Männer. Plötzlich kommt Junis, unser Dolmetscher, aufgeregt zu mir und sagt, dass erneut Soldaten in unserem Camp sind um Khadeja mitzunehmen. Schnell Eile ich zurück ins Camp, dort verhandelt schon Stefan mit dem Anführer der Soldaten Gruppe. Schwer bewaffnet sind sie in einem gepanzerten Wagen mit einem Maschinengewehr auf dem Dach zu uns gekommen. Der Anführer kommuniziert über unsere Dolmetscher, dass er das Kind mit nehmen müsse, dies sei ein Befehl dem er Folge zu leisten habe sonst würde er bestraft. Er und seine Begleiter fühlen sich sichtlich unwohl in dieser Rolle. Alles diskutieren hilft nichts. Wir übergeben unter Protest Khadeja den Soldaten. Sie weint und schaut uns traurig an. Stefan gibt nochmals klar zu verstehen, dass wir dann sofort unsere medizinische Hilfe einstellen würden. Es hilft nichts. Ich behandle meine zwei Patienten, die ich gerade untersucht habe, zu Ende und verlasse die Ambulanz. Wir beginnen unser Equipment abzubauen. Wir sind frustriert aber entschlossen.

Wir diskutieren unsere Entscheidung im Team. Vernachlässigen wir dadurch all die anderen Patienten, sie können schließlich absolut nichts für dieses Vorgehen der irakischen Armee. Dann sind sie wieder Opfer des Krieges. Aber wenn wir jetzt nicht konsequent sind, und der Abbruch unserer Kooperation ist unsere einzige "Waffe", was wird aus Khadeja, was wird in Zukunft aus all diesen besonders hart betroffenen Kindern? Plötzlich erscheint der zuständige Leutnant für unsere gemeinsam geführte medizinische Ambulanz. Er hat unsere Entschiedenheit wohl jetzt erst erkannt. Er vermittelt uns, er wolle unbedingt diese Kooperation aufrechterhalten. Wir mögen ihm eine Stunde Zeit einräumen, er interveniert bei seinen Vorgesetzten. Wir sind gespannt was passieren wird.

Khadeja im Kreis unseres Teams. Foto: Gerhard Trabert

Der Termin im Hauptquartier
Nach einer Stunde kommt Leutnant Muhammad zu uns und sagt, wir hätten einen Termin im Hauptquartier der 9 irakischen Division um dort mit dem General alles weitere bezüglich Khadeja zu besprechen. Stefan und ich fahren durch total zerstörte Stadtteile ins Hauptquartier der Armee. Mehrere scheinbar sehr wichtige Militärs, unter ihnen ein 3 Sterne-General, begrüßen uns. Im Nebenzimmer sieht man einen Monitor, Joysticks, kleinere Drohnen auf dem Tisch stehend, moderne Kriegsführung. Wieder diskutieren wir unser Anliegen Khadeja einer internationalen Hilfsorganisation übergeben zu wollen, die aufgrund der immer noch angespannten und gefährlichen Situation in West-Mossul nicht sein dürfen. Der General gibt uns zu Bedenken, dass Kinder bestimmt das fortsetzen würden, was schon ihre Eltern getan hätten. Wir erwidern, dass dies bei einem 4-jährigen Kind, wenn es in einer friedvollen Familie aufwächst, bestimmt nicht geschehen würde. Ich betone, dass ich außer Arzt schließlich auch noch Pädagoge wäre. Es geht hin und her. Stefan betont wiederum, wenn sie uns dies nicht erlauben würden, wäre damit die Kooperation beendet. Neue, scheinbar wichtige Militärs, betreten den Raum. Es wird mit Bagdad telefoniert. Schließlich bekommen wir mitgeteilt, dass Khadeja wieder zu uns ins Camp gebracht würde und wir könnten natürlich das Kind einer internationalen Hilfsorganisation für Kinder übergeben. Mir fahren etwas ungläubig zurück. Werden sie es uns jetzt wirklich erlauben. Wird Khadeja wirklich wieder zu uns zurück gebracht werden?

Wir sind zurück und warten. Zwischendurch wird ein Soldat in unser TSP (Trauma Stabilisation Point) gebracht. Er ist in eine Sprengstofffalle des IS geraten. Er hat zahlreiche äußere und Innere Verletzungen. Keine Atmung, kein Puls, seine Kameraden stehen aufgeregt um uns herum, wir versuchen alles. Ohne Erfolg, er ist Tod. Routinemäßig packt das irakische Paramedic Team den Toten in einen dafür vorgesehenen Plastiksack. Atempause. Dann kommt das schwer bewaffnete Militärfahrzeug, dass Khadeja mitnahm, in unser Camp. Auf dem Arm des Anführers ist Khadeja. Sie streckt ihre Arme aus, ich nehme sie auf meinen Arm und setze sie auf mein Feldbett. Die Soldaten sind erleichtert, es ist überhaupt nicht ihr Ding, ein kleines Mädchen mitzunehmen. Sie zeigen uns, fast schon entschuldigend, Bilder auf ihrem Handy, und erläutern, Khadeja hätte bei ihnen geschlafen. Ich schaue wieder Zeichentrickvideos mit ihr an. Wir werden in einer Stunde mit Militärbegleitung zu einer Stelle außerhalb Mossuls fahren. Wird dies endlich die erhoffte Übergabe an eine UN- Kinderhilfsorganisation sein?

Bevor wir losfahren kommt wieder ein Notfall in unsere Ambulanz. Beim "Aufräumen" in ihrer völlig zerstörten Wohnung ist eine Familie in eine Brandsprengfalle geraten. Der 10-jährige Junge hat Verbrennungen am gesamten Oberkörper, den Oberarmen und im Gesicht. Es sind wohl über 30% der Körperoberfläche betroffen. Wir spritzen ihm ein Schmerzmittel und dann auch etwas zur Beruhigung, denn er ruft ständig nach seiner Mutter. Die wohl schwer verletzt in ein Krankenhaus gebracht wurde. Ich bringe den Jungen mit dem Krankenwagen ins General - Hospital. Die Fahrt mit Blaulicht und Sirene auf den teilweise zerbombten Straßen Mossuls ist abenteuerlich. Ich bin sehr froh als ich den jungen Patienten in stabilem Zustand den Kollegen übergeben kann.

 

Der wüten(d)e General
Dann kommt auch schon das Militärfahrzeug dass uns mit Khadeja begleiten soll. Einer der Soldaten steigt in unseren Jeep und wir starten.
Die Soldaten möchten Khadeja in ihrem Militärfahrzeug mitnehmen. Wir bestehen darauf, dass sie in unserem Jeep mitfährt. Wir müssen die Soldaten nicht lange überzeugen, sie darf bei uns bleiben, dafür fährt einer der Soldaten bei uns mit. Ich setze mich mit Khadeja im Arm auf die Rückbank. Sie lächelt ein wenig und ist müde. Einer der Sanitäter der irakischen Division mit denen wir vor Ort intensiv zusammenarbeiten hat kurz zuvor Reis gebracht. Khadeja stürzte sich darauf, sie hatte großen Hunger. Immer noch den Reis verschlingend fahren wir los. Es geht von West-Mossul ins sichere Ost-Mossul. Vorbei an all der fast schon zur Gewohnheit gewordenen Zerstörung und Verwüstung. Es ist Mittagszeit und die Temperaturen steigen auf fast 50 Grad. Khadeja schläft auf meinem Arm ein. Nach ca. einer Stunde Autofahrt halten wir an. Wir sehen keine Hinweise auf eine internationale Hilfsorganisation. Viele Militärfahrzeuge stehen in der Nähe des Gebäudes in das wir eintreten. Wir werden zu einem kleinen Zimmer geführt. Dort begrüßen uns etwas genervt und fragend zwei ältere Männer in Zivilkleidung. Stefan und ich werden gefragt, wer wir sind, woher wir kommen und was wir wollen. Dann wird Khadeja angeschaut und befragt. An einem Kleiderhaken in diesem kleinen Raum hängen Militäruniformen. Ich bitte den älteren der beiden Männer darum, dass sie sich bitte auch uns vorstellen mögen, denn wir wüssten nicht wer sie wären. Der ältere schaut etwas irritiert und vermittelt uns, er sei der höchste General im Gebiet Mossul.

Der Oberstgeneral, oder was immer, man möge mir meine Unkenntnis und meine Ambivalenz und Skepsis diesen Insignien der Hierarchie, der Macht und der Obrigkeitsgläubigkeit gegenüber entschuldigen, ist sichtlich verärgert und genervt. Bei unserer Vorstellung, erwähnten Stefan und ich wir wären Doktoren. Der oberste General möchte wissen, welche Art von Doktoren. Wir erläutern, dass wir Ärzte seien. Und schon zeigt unser Gegenüber mehr Respekt und Anerkennung uns gegenüber. Er führt daraufhin mehrere Telefonate. An seiner Gestik und an der Lautstärke seiner Kommentare und dem Tonfall ist spürbar, wie wütend er ist, in diese Angelegenheit, in die Entscheidung was mit Khadeja geschehen soll, miteinbezogen zu sein. Er telefoniert und telefoniert, scheint den uns begleitenden Soldaten zu beschimpfen, spricht mit wichtigen Personen in Bagdad. In der Zwischenzeit ist Khadeja in meinem Arm fast eingeschlafen. Ich lege sie, nach einem kurzen Blickkontakt mit dem General, auf dessen Bett in diesem kleinen Raum. Sie schläft schnell ein. Der General, deckt Khadeja, ja man kann und muss sagen, zärtlich und behutsam zu. Dann telefoniert er weiter.

 

Das Eis ist gebrochen
Schließlich fragt mich der General, wie lange ich schon als Arzt arbeiten würde. Ich antworte, seit fast 30 Jahre. Daraufhin schildert er mir seine Krankengeschichte und bittet mich um eine Untersuchung seines Herzens. Ich habe mein Stethoskop und den Pulsoxymeter dabei. Ich beginne ihn mit dem Stethoskop abzuhören. Messe seinen Puls und den Sauerstoffgehalt im Blut. Und vermittle ihm, alles sei bestens. Er ist sichtlich erleichtert. Irgendwie scheint das Eis etwas zwischen uns gebrochen zu sein. Er vermittelt, über unseren Dolmetscher, dass es auch sein Interesse sei, Khadeja einer internationalen Hilfsorganisation zu übergeben. In der Zwischenzeit hat sein Adjutant die Uniform angezogen und nickt uns zu. An welche Organisation denn das Kind übergeben werden solle. Wir vermitteln an Save the Children und dass wir dies tun möchten. Wieder wird telefoniert.

Khadeja scheint tief und fest zu schlafen. Manchmal wird sie unruhig und spricht leise "Mama, Mama", bevor sie erschöpft weiter schläft. Der oberste General vermittelt uns, dass er noch mit einer wichtigen Person reden müsse. Stefan und ich sind angespannt. Nach mehreren Versuchen hat er diesen wichtigen Gesprächspartner am Telefon. Er stellt sein Handy auf laut und wir können das Gespräch anhand der Mimik, Gestik und dem Tonfall mitverfolgen. Zeitweise wirkt es wieder aggressiv und kontrovers, die Beendigung und Verabschiedung des Telefongespräches ist dann aber sanft und mit einem nickenden Lächeln verbunden. Er sagt uns, dass jetzt alles organisiert sei und wir mit Khadeja los fahren könnten. Er hoffe, dass dies nicht zu einer Verstimmung der deutsch-irakischen Beziehungen führe. Wir meinen nein, ganz und gar nicht, wenn dies in Zukunft mit den unbegleiteten Kinder schneller und unkomplizierter funktionieren würde. Wir verabschieden uns, ich nehme Khadeja schlafend auf meinen Arm, sie ist so schwer und wirkt ganz entspannt. Wir fahren los, immer noch von Militärfahrzeugen begleitet.

 

Khadeja in Sicherheit
Khadeja schläft in meinen Armen während unserer ca. 15 minütigen Weiterfahrt weiter. Wir biegen in den Eingang eines Camps ein. Dort erkennen wir Schilder von UNICEF und auch von "Save the Children". Wir werden in Begleitung der Soldaten in einen Wohncontainer geführt. Stefan und ich mit Khadeja auf dem Arm betreten den Container. Der Adjutant des Generals füllt ein Dokument aus. Stefan und ich schauen uns an, ohne Worte auszutauschen ist für uns klar, auch an diesem Ort werden wir Khadeja keinem Soldaten übergeben.

Plötzlich betreten zwei Frauen den Wohncontainer. Sie stellen sich in Englisch als Vertreterinnen der Hilfsorganisation "Save the Children" hier in dem Ort Hamman Al Ill vor. Sie seien Sozialarbeiterinnen dieses Kinderhilfswerkes, sie hätten von uns schon gehört. Haben wir es wirklich geschafft!? Stefan schreibt die Kontaktdaten der Frauen und der Hilfsorganisation auf. Der Adjutant des Generals verabschiedet sich. Wir bedanken uns. Ich gebe Khadeja aus meinen Armen in die Arme der Sozialarbeiterin. Khadeja weint, klammert sich an mich und schreit erschöpft. Stefan meint, mach es schnell. Ich tue es und bin den Tränen dabei sehr Nahe. Aber nicht hier und jetzt sage ich still in mich hinein. Ich schaue Khadeja in die Augen streichele ihr sanft über den Kopf und lasse sie körperlich los. Auf der Rückfahrt klatschen Stefan, unser toller Dolmetscher Tiger und ich uns ab. Wir haben das scheinbar Unmögliche möglich gemacht, durch die Menschlichkeit die in jedem Menschen vorhanden ist. Möge Khadeja, in dieser Kriegsregion, als potentielle Feindin, eine friedvolle und liebevolle Zukunft geschenkt bekommen.

 

Nachtrag
Wir sind alle wirklich sehr sehr erleichtert. Das Besondere ist aber auch, dass sich die uns begleitenden Soldaten sichtlich freuten, dass Khadeja bei Save the children ist. Und diese Freude war authentisch. Als wir in unser Camp zurückkehren ist natürlich die Freude auch sehr groß. Auch die irakischen Soldaten in der medizinischen Ambulanz drücken ihre Anerkennung und Freude aus. Es ist eine spürbare, jetzt offen gezeigte, Solidarität überall zu erkennen. Wir werden das Schicksal von Khadeja weiter verfolgen. Und das besonders Schöne und tolle kommt erst noch: unser Dolmetscher Tiger, er ist verheiratet und hat 3 Kinder, hat mit seiner Frau schon besprochen, wenn keine Angehörigen von Khadeja gefunden werden, würden er und seine Familie das besondere Mädchen aus Mossul gerne adoptieren. Auch er wird deshalb die weitere Entwicklung genauestens verfolgen. Stefan und ich versprechen ihm, dass wir ihn, seine Familie und Khadeja dann finanziell unterstützen werden.

Veröffentlicht:
Verfasser*in: Jonas Grünwald

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