Zwischen Lebensfreude und Krieg

Kris, unser kürzlich zurückgekehrter Head of Mission in Erbil, berichtet von den krassen Gegensätzen zwischen Erbil und Mossul. In einem Land, dass seit Jahren nicht zur Ruhe kommt, findet man nur wenige Kilometer voneinander getrennt Lebensfreude und ausgelassenes Nachtleben genauso wie Krieg, Zerstörung und Terror.

"Während unser Team in Mossul weiterhin Tag um Tag alles gibt, um Verwundteten die dringend benötigte medizinische Erstversorgung zukommen zu lassen, geht das Leben in Erbil fast ungetrübt weiter. Die Szenen
könnten in vielen Bereichen unterschiedlicher kaum sein: In West-Mossul haben die drei Märkte seit zwei Tagen wegen Selbstmordanschlägen geschlossen, auf den Basaren Erbils drängen sich die Familien, lachend und voller Vorfreude auf die Feiertage. Das Ende des Fastenmonats steht bevor, schnell werden noch neue Kleider und Geschenke eingekauft, die Läden mit Eiscreme und typisch arabischen Süßigkeiten wie Knafeh und Baklava werden der Nachfrage kaum Herr.

In Mossul dagegen essen die Menschen in der Altstadt zum Fastenbrechen mit Wasser aufgekochtes Getreide, im befreiten Osten der Stadt gibt es wieder fast alles zu kaufen, doch ohne Arbeitsplätze fehlt den Menschen das Geld um sich mehr als das Allernötigste zu kaufen

Knapp 80 Kilometer von Mossul entfernt ist von Krieg nicht viel zu spüren, lediglich das nächtliche Überfliegen der rückkehrenden Kampf-und Versorgungshubschrauber Richtung Flughafen lässt erahnen, dass das eben doch keine Stadt wie jede andere hier ist.
Erstaunlich und gleichzeitig etwas surreal ist das Vorhandensein der zahleichen Sicherheitskräfte in Erbil. Jede größere Institution, sei es Bar, Bank, Hotel oder Gated Community leistet sich private Security, was wohl eher dem subjektiven Sicheheitsgefühl und der Abschreckung denn der allgemeinen Sicherheitslage geschuldet sein dürfte. Gerade als westliche Person ist das Überwinden dieser Sperre aber ein Klacks; freundlich Lächeln, Winken und unverdächtig Aussehen, schon ist man durch fast jede Sicheitssperre durch. Ausnahmen sind zum Glück Hotels und der Flughafen.

Diese Sicherheitsvorkehrungen gepaart mit dem recht regen Nachtleben ergeben eine interessante Mischung für die vielen Expats*, welche mit internationalen NGOs oder Firmen für 3-6 Monate in Erbil bleiben. Du fühlst dich nirgendwo unsicher, wirst aber beim Essen, Einkaufen und Feiern regelmäßig durch den bewaffneten Menschen vor der Tür daran erinnert, dass unweit von dir Krieg ist. Gerade für die Menschen, die als Freiwillge in Mossul arbeiten und dann nach Erbil zurückkommen bietet das ein komisches Bild, aber jede*r geht anders mit dem Erlebten um. Die einen feiern und machen die zahlreichen großen öffentlichen Restaurants oder Hotelbars unsicher, andere genießen die abendlichen Live-Konzerte in den Parks der Innenstadt.

Nicht zu vergessen, aber im alltäglichen innerstädtischen Bild kaum sichtbar, sind die vielen IDPs (Anm.: Internally Displaced Person - Binnenflüchtlinge). Die Stadtverwaltung bemüht sich die vielen Tausend Familien so gut es geht unterzubringen, es gibt kaum noch unregistrierte Camps aber die Bedingungen sind je nach Viertel dürftig. Viele christliche Familien die fliehen mussten sind in den zwei überwiegend von Christ*innen bewohnten Vierteln Erbils in der Nähe der Kirchen untergekommen, der Rest verteilt sich auf die Randbezirke oder Vororte der Stadt. Geflüchtete aus Mossul werden seit Beginn der Offensive nur noch in Ausnahmefällen nach Erbil gelassen, die meisten von ihnen warten in Camps wie Khazer, Hasan Sham oder Makhmor auf die Rückkehr in ihre Stadt.

Die Bilder in Erbil sind als widersprüchlich und erinnern ein wenig an Beirut in den den 2000ern. Feiern um zu vergessen, das Leben genießen, weil viele um die Flüchtigkeit des Augenblicks wissen. Vielleicht auch verdrängen, dass Erbil trotz der Sicherheit die es bietet, trotz des angenehmen Lebens hier, 2014 nur knapp dem Schicksal Mossuls entronnen ist, als Daesh bis auf 25 Kilometer an die Stadtgrenze vorrücken konnte."

*Expat: ist eine Person, die vorübergehend oder dauerhaft ihren Wohnsitz in einem anderen Land hat als in dem sie gelebt hat und aufgewachsen ist.

Veröffentlicht:
Verfasser*in: Jonas Grünwald

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