Ohne Worte

Die Ereignisse in Paris haben auch uns am Wochenende wieder sprachlos zurückgelassen. Ebenso wie die Anschläge in Beirut, Baghdad, im Yemen, in Taiz, in Mokha, in Nairobi; und diese Liste ist nicht abschließend.

Streitereien und Diskussionen darüber, wer wem gedenkt, wer wen erwähnt, welche Flaggenfarbe annimmt oder auch nicht, halten wir grade für wenig zielführend.

Uns macht die Situation grade noch mehr Sorgen, als es die Arbeit in unseren Einsatzgebieten in den letzten Monaten sowieso schon gemacht hat.

Schon vor dem Anschlag in Paris haben die ersten europäischen Staaten ihre Grenzen geschlossen, Schengen ist ausgesetzt, der Druck auf die Menschen, die in den Refugee-Camps in und um Syrien leben, steigt. Gerüchte um die Aussetzung der Familienzusammenführung machen die Runde.

Dieser Prozess wird sich nun noch beschleunigen. Hinzu kommt, dass die Kriegshandlungen in Syrien sich in den letzten Monaten weiter intensiviert haben. Assad bombt mit Unterstützung Russlands. Die USA bomben, um die Kurd*innen zu unterstützen. Die Türkei eröffnet vereinzelt das Feuer auf kurdische Stellungen. Und nun hat auch Frankreich mit Luftbombardements begonnen.

Dies zusammen lässt vermuten, dass sich noch viel mehr Menschen kurzfristig und schlecht vorbereitet auf den Weg machen. Weg von den Bomben, hin nach Europa, solange sich die Tür vermeintlich noch nicht ganz geschlossen hat.

Das alles, während die Stimmung in Deutschland und Europa immer kälter, ängstlicher und hasserfüllter wird.

Irgendwo schwankt unsere Stimmung jetzt zwischen überall da auf der Straße sein zu wollen, wo der Mob sein „Das Boot ist voll“ skandiert, zwischen ratlos dastehen, wie wir in dieser Situation die nötigen Mittel auftreiben können, um unsere Projekte weiterzuführen und zwischen sich irgendwie zwischendurch auch doch nur auf die einsame Insel zu wünschen.

Doch dann liest man während der Arbeit in den sozialen Medien auch wieder, wie vielen Menschen es grade ähnlich geht. Telefoniert oder skypt mit den Freund*innen in Syrien, auf Lesbos, sonst wo auf der Welt. Spricht mit anderen Aktivist*innen, denen die Zustände genauso viele Sorgen machen. Und hat irgendwie das Gefühl, trotz allem gerade an dem Richtigen zu arbeiten.

Grade jetzt, wo die Stimmung, die einem entgegen schlägt, immer unangenehmer wird.

Grade jetzt, wo Vollpfosten die furchtbaren Ereignisse der letzten Tage und Wochen nutzen wollen, um Hass gegen Flüchtlinge zu schüren.

Grade jetzt, wo die EU-Staaten dem Stück für Stück nachzukommen scheinen.

Grade jetzt, wo der Fluchtdruck in Syrien und anderen Krisengebieten immer größer wird.

Grade jetzt darf „Refugees Welcome“ keine Phrase sein, die einen von den Pegida-Hohlbirnen abgrenzt.

Grade jetzt heißt es, Fluchtgründe weiter zu bekämpfen und sich solidarisch für das Recht jedes Menschen auf Frieden und Freiheit aktiv einzusetzen.

Klingt zu pathetisch? Erzähl das den Refugees, die immer noch unnötigerweise auf der Überfahrt über das Mittelmeer ertrinken; die hungern und frieren, während sie in Deutschland auf die „notwendigen Amtshandlungen“ warten; die in Syrien oder anderen Krisengebieten zwischen Bombardements, Terror oder Hungertod wählen können.

Wir haben unsere Entscheidung getroffen. Wir hören nicht auf. Schon gar nicht jetzt. Bist du dabei?

Veröffentlicht:
Verfasser*in: von

zurück zur vorherigen Seite