Blick in eine Straße des Geflüchtetenscamps Bajed Kandala, Nordirak Juni 2018
Die Bewohner des Geflüchtetencamps Bajed Kandala, Nordirak, säubern ihre Nachbarschaft. Viele von ihnen sind schon lange da und werden wohl noch lange bleiben. ©Christoph Löffler

Der besiegte IS - das terroristische Stehaufmännchen?

Der Islamische Staat (IS) sei besiegt, so heißt es derzeit überall. Mit großen Opfern haben es die Menschen in Irak und Syrien geschafft, die Terrororganisation zu entmachten. So groß die Freude über die Nachricht angesichts der verübten Gräueltaten des IS auch ist, sie sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Region vor massiven Problemen steht. Und dass die Gefahr nicht gebannt ist.


Abschluss der Militärkampagne gegen ISIS

Seit letztem Samstag ist das selbsternannte islamische Kalifat in Syrien Geschichte. Sowohl im Irak als auch in Syrien kontrolliert ISIS kein nennenswertes Territorium mehr, eine Herrschaft über Menschen und Landstriche existiert faktisch nicht mehr. Mit dem Verlust des Territoriums endet ein blutiges Kapitel in der Geschichte dieser überaus anpassungsfähigen Organisation. Die kommenden Monate und Jahre werden zeigen, ob der schon erklärte Sieg einen dauerhaften Frieden sichert oder nur eine neue Phase einleitet.

Auch wenn es heute und in den nächsten Tagen fast einstimmig verkündet wird: "Der" IS ist noch lange nicht besiegt.
Die langanhaltenden Folgen und Auswirkungen sind bisher nur ansatzweise zu erahnen. Klar, ohne Territorium auch kein islamisches Kalifat. Aber an diesem Punkt ist ISIS mit allen Vorläuferorganisationen bereits mehrfach in der Geschichte gewesen. Auf massiven militärischen Druck von außen reagierte die Gruppe mit einer Flucht in den Untergrund, mit Schläferzellen, welche auf ihre Gelegenheit warten und, das ist für die nächste Phase im Kampf entscheidend, mit dem geschickten Ausnutzen gesellschaftlicher Missstände.

Ein Blick über die Stadt Rakka. Fünf Jahre galt sie als Hauptstadt des IS, mittlerweile entwickelt sich hier wieder ein normales Zivilleben. ©CADUS


Die grundsätzlichen Ursachen für die fast schon überfallartige Eroberung eines Gebiets von der doppelten Fläche Niedersachsens sind nicht behoben; der Bürgerkrieg in Syrien geht in sein achtes Jahr, die Politik im Irak wird weiterhin von ethnisch-religiösen Gegensätzen dominiert und die humanitäre Lage von hunderttausend Geflüchteten in beiden Ländern bleibt ungewiss. All das sind Faktoren, die in der Vergangenheit ein Überleben dieser dschihadistischen Organisation ermöglicht haben.

Das Ende der grausamen Herrschaft bedeutet die Befreiung Hunderttausender, er beendet einen Versuch mit brutalster Gewalt Menschen zu erobern, zu versklaven und sie in eine Gesellschaftsform zu zwingen, die sich über jegliche Grundregeln des menschlichen Miteinanders erhaben schien. Immerhin, das ist jetzt vorbei, auch wenn das Schicksal tausender Yezid*innen weiter unklar bleibt, hunderttausende Menschen auf der Flucht sind oder ein Leben in Camps fern ihrer Häuser führen müssen.

AQI, ISI, Kalifat - Vom Aufstand zum Staat und zurück?

Der Beginn der Machtausübung als staatsähnliche Organisation im Sommer 2014 war weder der Anfang des Projekts "Islamischer Staat" noch markiert er zwangsläufig deren Ende. Wenn überhaupt stellt die langjährige Kontrolle über knapp 7 Millionen Menschen einen traurigen Zenit dar.
Als eine von vielen sunnitischen Aufstandsgruppen, die sich nach dem Einmarsch der US-Koalition in Irak 2003 formierten, entwickelte sich der lokale Ableger von Al-Qaida schnell zu einer der brutalsten terroristischen Gruppen in der Region. Anschläge auf schiitische Heiligtümer, die öffentlichkeitswirksame Ermordung ausländischer Journalist*innen und der Kampf gegen Koalitions- als auch irakische Streitkräfte gehörten seit Entstehung der Organisation zu ihrem Markenkern. Wo sie sich als Territorialmacht halten konnte, begann sie schon 2007/08 das öffentliche Leben ihren Regeln zu unterwerfen. Lokale sunnitische Stämme und Milizen konnten bis 2009 die Rückzugsgebiete der sich jetzt "Islamischer Staat im Irak" (ISI) nennenden Organisation wieder befrieden, der Islamische Staat in Irak schien besiegt. Gezielt eingesetzte Ermordungen, Entführungen zur Lösegelderpressung und eine Schattenherrschaft neben staatlichen Strukturen ließen bis zum Beginn des Syrischen Bürgerkriegs ISI mehr wie eine mafiöse Struktur erscheinen, die mit klassischer Polizeiarbeit bekämpft werden könne.

Doch das Vakuum in vielen Teilen Ostsyriens nutzend, wandelte sich die Organisation erneut. Taktische Bündnisse mit anderen dschihadistischen Milizen in Syrien ermöglichten dem syrischen Zweig (Al-Nusra Front) der irakischen Mutterorganisation einen Zuwachs an Kämpfern, Material und präsentierbaren Erfolgen. Städte wie Rakka, Ain Issa, Tabqa und Al-Bab wurden nach der gewaltsamen Verdrängung anderer Rebellengruppen zum Labor für das neue Projekt: ein islamisches Kalifat mit den Ländern Syrien und Irak als Ursprung. Der jähe Streit innerhalb der beiden Organisationen und die daraus folgende Machtübernahme der irakischen Organisation im Norden Syriens und die schnelle Eroberung weiter Landstriche im Westen des Irak führten schlussendlich zur Ausrufung des Kalifats im Juni 2014.
Ausgerüstet mit moderner Waffentechnik durch die Eroberung von Garnisonen der irakischen und später auch syrischen Armee und ausgestattet mit knapp einer halben Milliarde Dollar in Gold- und Geldreserven aus der Zentralbank Mossuls konnte sich das selbsternannte Kalifat konsolidieren und obendrein ausbreiten. Bagdad und Erbil, neben dem von Dschihadisten kontrollierten Mossul die größten Städte des Iraks, waren bereits in Reichweite der Mörser, die jeweiligen Stadtzentren nur knapp 30 Kilometer von der Front entfernt. Die irakische Armee und Teile der Regierung befanden sich zu diesem Zeitpunkt in Auflösung, die internationale Staatengemeinschaft selbst überrascht von dem Vormarsch einer Gruppierung, die sie bis Juli 2014 mit 2000-3000 Kämpfern als lösbares Problem angesehen hatte.

Erst langsam sind diese Organisation und ihre mörderische Ideologie in den Fokus europäischer und deutscher Politik gerückt worden. Umso wichtiger ist es jetzt nach dem scheinbaren Ende des Kampfes, diesen Fokus nicht sofort wieder zu verlieren. ISIS, ISI, Al-Qaida in Irak ... jedes Mal als besiegt erklärt und doch jedes Mal erneuert und brutaler wieder aus der Versenkung gekommen. Unsere Aufgabe bei CADUS ist nicht die wirksame Bekämpfung von Terrorismus oder die strategische Analyse von Terrororganisationen. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, das Leben von Menschen dort zu verbessern, wo die Not oder Gefahr so massiv ist, dass kaum wer anderes hilft.

Auch in Qamishli, Nordsyrien geht der Wiederaufbau langsam voran. ©Christoph Löffler


Wir bleiben um zu helfen

Daher ist für uns sowohl die Ursachenforschung wichtig, als auch eine langfristige Perspektive unserer Projekte. Gerade in so einer volatilen Region wie Irak und Syrien.
Medizinische Einrichtungen sind im Zuge der Rückeroberung zerstört worden, ganze Städte gleichen nach Bombardements und Artilleriebeschuss Marslandschaften, selbst dort, wo seit zwei Jahren kein Krieg mehr herrscht. Hundertausende harren in Camps aus oder sind in andere Teile des Landes geflohen, mit einer ungewissen Hoffnung auf Rückkehr.

Wir bleiben daher vor Ort und unterstützen die lokalen Communities sowohl in der medizinischen Notversorgung als auch in längerfristigen Ausbildungsprojekten. Wir helfen dabei, dass ein elementares Menschenrecht wie das auf medizinische Versorgung nicht nur ein Lippenbekenntnis bleibt, sondern vor Ort umgesetzt werden kann, egal ob es dabei um sunnitische Kurd*innen, christliche Iraker*innen oder schiitische Turkmenen handelt.
Und ja, auch die Familienangehörigen mutmaßlicher Kämpfer des IS wie sie gerade zu Tausenden aus dem letzten Dorf am Euphrat geflohen sind, werden von uns behandelt. Vielleicht keine populäre Geste zurzeit,aber für uns zentraler Bestandteil unserer Philosophie. Und übrigens auch ein Teil der Überzeugung derjenigen, die in Syrien die letzten vier Jahre ISIS Dorf um Dorf, Landstrich um Landstrich unter hohen Opfern zurückgedrängt haben: den Demokratischen Kräften Syriens. Auch wenn es aus einigen Ministeriumsgängen in Berlin gerade etwas anders tönt, sie und nicht Deutschland haben den Löwennanteil zum militärischen Sieg beigetragen.

Thank you! Alf shukr! Spas! Tav di!

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