Die Sonne geht hinter einem Geländewagen mit daran befestigter irakischer Flagge auf.
Ein neuer Morgen bricht an. Symbol für eine friedliche Zukunft für Mossul und den Irak? ©Kenny Karpov

Mossul zwei Jahre nach „Befreiung vom IS“ - eine Bestandsaufnahme

Die Rückeroberung der irakischen Stadt Mossul und damit auch unser medizinischer Einsatz im Westen der Stadt ist etwas über zwei Jahre her. Seitdem ist wenig aus der zweitgrößten Metropole Iraks zu hören. Anlass genug für uns, einen Blick auf die gegenwärtige Situation zu werfen. Wo steht die Stadt mit ihren Bewohner*innen heute, wie sind die Zustände und wohin entwickeln sich Perspektiven?

Der Kampf gegen den selbsternannten Islamischen Staat ist in der zweitgrößten Stadt Iraks vor ziemlich genau zwei Jahren zu Ende gegangen. Die Berichterstattung über die Stadt und ihre Einwohner*innen ist vielfach vom Narrativ der „ehemaligen IS-Hochburg“ geprägt, von 2014 bis 2016 findet sich in der Berichterstattung überwiegend die Bezeichnung „Hauptstadt des IS“. Die anderthalb Jahre danach standen im Zeichen, teilweise verständlich, des Rückeroberungskampf um die Stadt am Tigris im Interesse der Weltöffentlichkeit. Innenansichten waren nicht vorhanden, im Kampf um die Altstadt herrschte vor allem frontline journalism, also eine Berichterstattung geprägt vom Kampfgeschehen aus Sicht der irakischen Sicherheitskräfte, mit den Bewohner*innen Mossuls als bloße Statist*innen.

Dies trägt weder der jahrtausendelangen Geschichte der Metropole Rechnung, noch lässt diese Verkürzung eine weitergehende Analyse zu, wie nach der Rückeroberung der Stadt das Leben der Bevölkerung aussehen könnte. Auch wir bei CADUS schauen ebenfalls natürlich auf Mossul mit der Sichtweise unseres Einsatzes im Sommer 2017, haben uns gleichzeitig zu diesem Jahrestag auch gefragt, was Menschen in Deutschland wohl jetzt noch aus der Stadt hören, wo nicht mehr der Kampf gegen den IS die Schlagzeilen anführt.

Kampf um Mossul

Der Rückeroberung durch irakische Sicherheitskräfte ging mit einer der massivsten Bombardierungskampagnen auf eine Großstadt seit Ende des zweiten Weltkriegs einher. Während Ostmossul relativ schnell fiel, wurde um den Westteil der Stadt mit erbitterter Härte gekämpft. Ostmossul, in den 70er und 80er Jahren durch Saddam Hussein als westliches, modernes Gegenstück zum „alten“, ärmeren Mossul auf der Westseite des Tigris aufgebaut, fiel früh zurück an die irakische Armee und war weitaus weniger starkem Beschuss durch Artillerie und Luftschläge ausgesetzt. Durch die breiten Magistralen und die offenere Bebauung blieb ein Großteil des erwarteten Häuserkampfs im Osten der Stadt aus, die Kämpfer des IS zogen sich zurück in den Westen.

Das Ausmaß der Zerstörung in Westmossul 2017 lässt sich anhand dieser Straße erahnen. ©Kenny Karpov


Dort, in den eng bebauten Straßen und erst recht in den kleinen Gassen der Altstadt tobte von Januar 2017 bis Ende Juli ein erbitterter Kampf. In der Endphase, als CADUS unmittelbar Zeuge der Kampfhandlungen wurde, bestand das Vorgehen der Streitkräfte aus massivem Beschuss, um Straßenzüge nicht im Häuserkampf erobern zum müssen. Die Gassen, teilweise zu schmal als das zwei Menschen nebeneinander gehen könnten, boten der irakischen Armee kaum Deckung. Das Resultat: knapp 80% der Bausubstanz im Westen der Stadt galt im Dezember 2017 als beschädigt, in der Altstadt lag die Zahl bei knapp 90%. Die Bewohner*innen der Westbank des Tigris waren proportional stärker von Vertreibung betroffen als die Menschen im Osten, viele leben noch bis zum jetzigen Zeitpunkt in Camps um die Stadt herum oder sind als Binnenvertriebene in andere Teile des Landes geflohen.

Zwischen Trümmerbergen und Luxussanierung

Nach dem Ende der Kampfhandlungen wurde beiden Teilen der Stadt ein zügiger Wiederaufbau versprochen. Das Erstarken des IS in der Stadt wurde in Bagdad zu diesem Zeitpunkt, teilweise zu Recht, vor allem durch die Linse einer verfehlten Sozial- und Wirtschaftspolitik betrachtet.
Allerdings folgten den Ankündigungen nur wenige konkrete Maßnahmen, die noch dazu beide Teile der Stadt höchst unterschiedlich betrafen. Prestigeprojekte wie die Universität Mossuls (im Osten der Stadt) wurden recht zügig angegangen, während ganze Viertel im Westteil noch bis zum heutigen Tag in Schutt und Asche liegen. Teilweise sind nicht einmal mal die Zufahrtswege von staatlicher Seite geräumt worden, so dass sich Rückkehrer*innen selber dieser Aufgabe annahmen.
Der Wiederaufbau des historischen Stadtkernes, das letzte Zentrum des fanatischen Widerstands einiger hundert IS-Kämpfer, sollte eigentlich ebenfalls auch ein solches Prestigeobjekt sein, mit dem sich die irakische Regierung verlorenes Vertrauen in der Mossuler Bevölkerung hätte zurückgewinnen können. Stattdessen passierte zwei Jahre fast nichts. Selbst die Bergung der tausenden Leichen unter den Trümmern wurde nur zögerlich angegangen.

In diesem Sommer wurden Pläne des Gouverneurs der Niniveh-Provinz bekannt, wonach das Altstadtviertel komplett abgerissen werden solle, um Platz für Malls, Supermärkte und Luxusrestaurants zu schaffen. In einem Gespräch mit Eigentümern der Häuser, die gegen eine geringe Entschädigung an den Staat fallen sollen, zeigt sich die fehlende Sensibilität der Zentralregierung im Umgang mit Teilen der Bevölkerung.


Ein Anwohner und Hausbesitzer fragt den Gouverneur, was denn mit dem zerstörten Häusern geschehen solle. Der Gouverneur sagt, es solle eine neue Seite aufgeschlagen werden: „[…] lasst uns nicht auf das Thema des Wiederaufbaus zurückblicken sondern eine moderne Stadt aufbauen.“
Im Hintergrund laufen bereits Gespräche mit ausländischen Investoren, unter anderem aus dem asiatischen Raum und Westeuropa, um die Pläne einer sterilen, unternehmerfreundlichen Stadt am Tigris voranzutreiben. Dass diese Pläne auch gegen den Willen der Bewohner*innen vorangetrieben werden können liegt, neben Wiederaufbau und Schattenwirtschaft, unter anderem am der dritten großen Problemfeld im Leben der Stadt: den Hashd ash-Sha´abi.

Die Macht der Milizen

Die vom Iran ausgebildeten und angeleiteten Milizen konsolidierten sich im Sommer 2014, nach dem Teilzusammenbruch der irakischen Armee im Zuge des Verlustes von Mossul und weiteren Teilen des irakischen Nordens an den sogenannten Islamischen Staat. Als wichtige Komponente im Kampf gegen die Terrororganisation haben es diese Milizen geschafft, nach dem Vorbild der iranischen Revolutionsgarde, auch beträchtliche Teile der wirtschaftlichen und politischen Landschaft zu durchdringen. Seit dem Ende der Kampfhandlungen im Irak ist der politische Umgang mit den vielfach als iranische Stellvertretermiliz empfundenen „Popular Mobilization Forces“ (PMF) im Irak ein Politikum. Sie kontrollieren in vielen Gebieten, die der Regierung in Bagdad als unzuverlässig gelten, die Sicherheitsarchitektur alleinig. Irakische Armee und Bundespolizei sind beispielsweise weniger stark in Mossul vertreten als die zahlreichen PMF-Brigaden.

Als stärkster Sicherheitsakteur bestimmen die Milizen neben der Möglichkeit zur Rückkehr in die Stadt auch über die Vergabe von Konzessionen, über den Warenverkehr und durch ihr politisches Netzwerk auch über die bereits angesprochene Umformung der Altstadt in ein investorenfreundliches Dubai 2.0. Die hohe Schlagkraft der Milizen im Kampf gegen den IS speiste sich aus der religiösen Überzeugung der primär schiitischen Verbände. Diese Überzeugung ist es auch, die jetzt viele Brigaden die Maslawis* als Kollektiv sehen lässt, als Bewohner*innen die den IS willkommen hießen und bis zum Ende tatkräftig unterstützten. Dies führt zu grundsätzlicher Feindseligkeit. Die PMF-Brigaden werden vielfach nicht als Befreier vom IS, sondern als neue Besatzer angesehen.


Kämpfer der Volksmobilmachung und der irakischen Armee bei einem Einsatz in Salah ad-Din. ©Tasnim News Agency, CC-BY 4.0

Den Teufelskreis durchbrechen

Diese Grundstimmung, gepaart mit absolut katastrophalen Lebensbedingungen im Westteil der Stadt, nutzt der IS bereits wieder für sich aus. Ohne gefestigte lokale Gemeinschaften, die auch als soziale Überwachungssysteme dienten, können Zellen des IS wieder ziemlich unbeschwert in verlassene Häuser nahe der Altstadt ziehen. Nur wenige Viertel sind wieder durchgehend bewohnt, Schätzungen sprechen von knapp 10% der Altstadt und den angrenzenden Vierteln.

Der Funktion des Mukhtars, eines Vorstehers des Viertels, der alle Bewohner*innen kennt, kommt eine extrem wichtige Bedeutung zu. Er wacht über die sozialen Verbindungen im Viertel und agiert als Garant gegenüber den Behörden, entsprechend einem Leumund. Er vertritt das Viertel nach außen und ist gleichzeitig für das Verhalten „seiner“ Bewohner verantwortlich. Nicht von ungefähr nehmen seit knapp anderthalb Jahren Attentate auf Mukhtars in Mossul und dem städtischen Umland wieder zu. Überwiegend können diese dem IS zugeschrieben werden. Wo keine Kontrolle über Bevölkerungsdynamiken besteht, können IS-Zellen dieses Informationsvakuum nutzen und sich wieder unter die Bevölkerung mischen. So entsteht eine Gewaltspirale aus langsamem Einsickern, Anschlägen auf lokale Gemeindevertreter, Reaktionen und Übergriffen der Milizen auf Zivilist*innen und verstärktem Ressentiments.

Diesen Teufelskreis von fehlender wirtschaftlicher Perspektive, mangelnder politischer Teilhabe und Repression durch staatliche Organe auf der einen, und einem wiedererstarkenden IS auf der anderen Seite zu durchbrechen, wäre im Sinne einer Aussöhnungspolitik. Diese ist bisher aus Bagdad aber nur zögerlich zu erkennen, zu sehr scheinen die Fronten verhärtet. Irans Einfluss auf die wirtschaftlichen, politischen und sicherheitspolitischen Belange des Irak ist seit 2014 kontinuierlich gewachsen. Eine Konsolidierung der Hashd al-Sha’abi im politischen Gefüge des Irak lässt eine Wiedereingliederung der Mossuler Bevölkerung bisher in die Ferne rücken. Ein Umstand, den auch die Führungskader des Islamischen Staates sorgfältig beobachten und nutzen werden.

* Bezeichnung für die Einwohner*innen Mossuls

Quellen:
http://www.xinhuanet.com/english/2019-07/06/c_138204483.htm
https://www.reuters.com/investigates/special-report/iraq-mosul-official/

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