Ein Weg im eingezäunten Geflüchtetencamp al-Hol mit Zelten des UNHCR im Hintergrund. ©CADUS
Die Helfer*innen vor Ort geben ihr Bestes um die Menschen im al-Hol Camp zu versorgen. In den letzten Wochen wurden die Kapazitäten erhöht und zusätzliche Wohnzelte errichtet. ©CADUS

Wie war das noch mit den Menschenrechten?

Das Geflüchtetenlager al-Hol in Nordostsyrien ist nach den Kämpfen gegen die letzten Überreste des IS komplett überfüllt und jegliche Struktur überlastet. Die gemeinsame Unterbringung von IS-Angehörigen und deren ehemaligen Opfern sorgt immer wieder für Konflikte unter den Bewohner*innen. Angesichts dessen stellt manche*r sich vielleicht die Fragen: Wie mit Verletzten oder Kranken umgehen, die sich über jegliche Grundnormen menschlichen Zusammenlebens hinweggesetzt haben? Warum denen helfen, die möglicherweise über Jahre aus Überzeugung ein System unterstützt haben, dass unglaublich viel Leid und Zerstörung verursacht hat?

Die letzten Rückzugsorte des Islamischen Staates sind gefallen, lediglich westlich des Euphrats halten knapp 3000 Kämpfer ein gering bevölkertes Gebiet in der syrischen Wüste.
In den letzten zweieinhalb Monaten strömten diejenigen, die sich ergaben oder geflohen sind, in ein Camp nahe der syrisch-irakischen Grenze. Frauen, Kinder und selten Männer, unter ihnen auch wenige ehemalige Kämpfer. Das stellt die Bewohner*innen des 1991 eingerichteten Flüchtlingscamps bei al-Hol aber auch die Menschen, die das Camp versorgen, vor besondere Belastungen. Teilweise treffen Opfer des IS auf ihre früheren Peiniger*innen, Menschen die unter der Herrschaft des IS litten versorgen nun die Angehörigen der Kämpfer. Hinzu kommt die schlechte Versorgungslage. Seit Beginn der Kämpfe um Baghuz haben sowohl die Zivilverwaltung in Nordostsyrien als auch lokale Hilfsorganisationen vor dem Szenario gewarnt, das jetzt eingetreten ist.

Tausende Menschen warten auf Versorgung

Es fehlt vor Ort an Ressourcen um die mehr als 75.000 Personen im Camp al-Hol mehr als notdürftig zu versorgen, die umliegenden Krankenhäuser sind über die Belastungsgrenze hinaus belegt, Helfer*innen sind teilweise 24 Stunden im Einsatz, die Kindersterblichkeit ist hoch. Überschwemmungen in der ganzen Region verschärfen die ohnehin schon katastrophale Lage zusätzlich.

Der Kern des Camps besteht schon seit dem Golfkrieg 1991 und besteht zum Teil aus festen Hütten. Die alte Struktur muss für die Neuankömmlinge massiv ausgebaut werden. ©CADUS


Internationale Strukturen waren bis vor kurzem rar, erst langsam verstärken UN-Organisationen und internationale NGOs ihr Engagement. Die Herausforderung, mehr als 45.000 teils dehydrierte, unterversorgte und unterkühlte Menschen innerhalb von zwei Wochen aufzunehmen, medizinisch zu versorgen, zu ernähren und sicher unterzubringen hätte auch große Akteure vor eine Herausforderung gestellt. Für lokale Hilfsorganisationen in einem Kriegsgebiet ist die Anzahl an zu versorgenden Menschen schlicht zu hoch. Das Lager bei al-Hol war ausgelegt für etwas über 10.000 Personen, zusätzliche Erweiterungen müssen jetzt für geschätzte 76.000 Personen dienen, vieles entstand während Leute von Baghuz in das 300 Kilometer entfernte al-Hol transportiert wurden.
Ein Zustand, der so nicht länger tragbar war. Wir wurden angefragt, ob wir helfen können und haben uns entschlossen, die lokale Gesundheitsversorgung direkt im Camp zu unterstützen, um die umliegenden Krankenhäuser zu entlasten und eine zeitnahe medizinische Versorgung Aller zu ermöglichen.

Medizinische Versorgung - ein Recht für jede*n?

Medizinische Versorgung ist für uns ein Menschenrecht. Eines, das gerade im Kriegs- oder Konfliktfall von elementarer Bedeutung ist und welches seit einigen Jahren leider ganz grundsätzlich in Frage gestellt wird. Medizinisches Personal und unsere Einrichtungen genießen längst nicht mehr den Schutzstatus früherer bewaffneter Konflikte. Langjährige, teils grausam geführte Auseinandersetzungen stellen den hohen ethischen Anspruch aller Helfer*innen auf eine harte Probe.
Wie mit Verletzten oder Kranken umgehen, die sich über jegliche Grundnormen menschlichen Zusammenlebens hinweggesetzt haben? Warum denen helfen, die möglicherweise über Jahre aus Überzeugung ein System unterstützt haben, dass unglaublich viel Leid und Zertörung verursacht hat? Die Fragen sind jeweils für sich hochkomplex, für uns steht aber ein einfacher Punkt immer fest: Wir behandeln jede Person, die unsere Hilfe sucht und braucht. Nicht immer mit einem Hochgefühl, sicher auch bei einigen Fällen mit Bauchschmerzen. Die Versorgung jeder Person ist jedoch ein so universales Recht, dass wir davon nicht abrücken wollen und können. Dabei ist für uns kein Widerspruch auch diejenigen zu behandeln, die mutmaßlich andere verfolgt, getötet oder gefoltert haben. Teil des Wertekanons einer aufgeklärten Gesellschaft muss es sein, auch denjenigen Menschenrechte und Grundbedürfnisse zugestehen zu können, die eben diesen Wertekanon brechen. Alles andere artet in Willkür aus.

Hilfsorganisationen sind nicht dazu gedacht, Schuld oder Unschuld festzustellen und darauf aufbauend zu bestrafen, dafür existieren Gerichte. Diese zu schaffen ist angesichts der internationalen Tragweite der Herrschaft des IS Aufgabe der internationalen Gemeinschaft. Unsere Aufgabe und unser Anspruch ist es, dem universellen Menschenrecht auf medizinische Hilfe Geltung zu verschaffen indem wir auch die behandeln, die bis zuletzt freiwillig oder unter Zwang unter dem IS gelebt und gekämpft haben.

Kollektivstrafen sind in der jüngeren Geschichte Europas vor allem ein Ausdruck entmenschlichter Politik gewesen, einer Politik die sich massiv mit unserem Werten und unserem Verständnis einer besseren Gesellschaft beißt. Wenn wir gerade in Deutschland Kommentare hören, die Angehörigen der IS-Kämpfer hätten ja gewusst worauf sie sich einließen und könnten gerne "in der Wüste verrotten", verschlägt es uns ehrlich gesagt die Sprache. Das hat nichts mehr mit Freude über das Ende des Kalifats oder dem Wunsch nach gerechter Bestrafung zu tun. Vielmehr tendiert es gefährlich in Richtung von Gewaltphantasien, die im übrigen auch Ausdruck eines Menschenbildes sind, wie es der Islamische Staat vertritt. Humanitäre Hilfe kann nicht immer nur denjenigen zu Gute kommen, die den eigenen Wertevorstellungen und Lebenskonzepten am Besten entsprechen, gerade in bewaffneten Konflikten ist das schlicht unmöglich. Humanitäre Hilfe so wie wir sie verstehen ist universell, unabhängig von der Stellung der Person und ihrer Vergangenheit. Kurz gesagt: einzig und allein der Grad der Not zählt bei der Beurteilung, wer wie viel Hilfe bekommt.

Frauen und Kinder fliehen aus der umkämpften Altstadt Mossuls im Irak 2017. Schon damals gab es Auseinandersetzungen darüber, wie mit IS-Anhänger*innen umzugehen wäre. Schnell wurden Menschen pauschal verurteilt Dschihadist*innen zu sein, nur weil sie nicht rechtzeitig fliehen konnten. ©Kenny Karpov


Die Verantwortung der internationalen Gemeinschaft

Gerade vor dem Hintergrund der Debatten um Strafverfolgung der ausländischen IS-Kombatant*innen, bei der sich europäische Staaten aus der Affäre ziehen wollen in dem sie einfach die Staatsbürgerschaft entziehen, wird klar, dass das Thema leider weiter an die Menschen vor Ort "ausgelagert" werden soll. Sie versorgen ihre eigene Bevölkerung, sollen IS-Kämpfer sowie Angehörige internieren und auf unbestimmte Zeit bis zu möglichen Prozessen im Land behalten. Dabei haben sie sich an geltendes Recht zu halten und sollen mit den ohnehin schon knappen Ressourcen auch die ungefähr 12.000 ausländischen IS-Kämpfer medizinisch versorgen.
Humanitäre Akteure haben seit langem kritisiert, dass solch eine Mehrfachbelastung nicht nur eine strukturelle Zumutung ist, sie ist auch nach allen Opfern welche die Menschen in Syrien und Irak im Kampf gegen den IS auf sich genommen haben, ein moralisches Totalversagen seitens der internationalen Staatengemeinschaft.

Ein Feldkrankenhaus für al-Hol

Auf der (geo-) politischen Ebene werden wir als CADUS an diesem Zustand wenig ändern können. Im Kleinen aber wollen wir etwas bewirken und das im Zusammenspiel mit den Menschen, die auch nach Ende des Konflikts da bleiben und wieder in irgendeinder Form miteinander leben müssen. Für uns heißt das konkret: Wir bauen gemeinsam mit unserer Partnerorganisation ein Krankenhaus im Camp auf, werden sowohl in beraterischer Funktion tätig sein als auch Menschen direkt im laufenden Betrieb ausbilden. Das sichert eine nachhaltige medizinische Struktur, die in ganz Syrien bitter nötig ist! Gleichzeitig wollen wir auch helfen, den akuten Notzustand zu verbessern. Das Krankenhaus im Camp wird in zwei Bauphasen entstehen und kann bei Fertigstellung 40 Patient*innen stationär versorgen. Labor, Röntgen und Operationssaal inbegriffen. Der Aufbau von längerfristigen Strukturen und die Inbetriebnahme eines Krankenhauses sind im Grenzbereich zwischen Nothilfe, wie wir sie verstehen, und klassischer Entwicklungszusammenarbeit angesiedelt. Angesichts der beschriebenen Umstände für uns aber Teil unseres Mandats zur akuten Unterstützung bei gleichzeitigem Aufbau nachhaltiger Perspektiven. Mehr dazu in weiteren Beiträgen.

Im Kleinen etwas bewirken heißt für uns auch, dass wir behutsam vor Ort arbeiten, die Spannungen die aufgrund des Konfliktes herrschen nicht noch verschlimmern und dabei als neutraler Partner für alle aufzutreten. Das wird manchmal ein Drahtseilakt, aber auch eine Herausforderung derer wir uns als humanitärer Organisation bewusst sind und der wir uns stellen.

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