Zwei Männer unterhalten sich vor einem geöffneten Motorraum eines Fahrzeugs
Jonas, hier im Hintergrund, bekommt von seinem*r Vorgänger*in Möhre eine Einweisung in das Fahrzeug. ©Selene Magnolia

Endstation Sarajevo?

Tausende Geflüchtete stecken auf ihrem Weg ins Herz Europas in Bosnien-Herzegowina fest. Als Mitglied unserer Emergency Response ist Jonas in Sarajevo im Einsatz und erzählt uns in einem persönlichen Bericht von seinen Erfahrungen.

Ende Februar bin ich in Sarajevo angekommen. Im Oktober war ich schon einmal hier, im Urlaub. Dieses mal bin ich als Teil unseres Emergency Response Teams vor Ort, das Geflüchtete medizinisch versorgt. Meine Aufgabe ist es, für den reibungslosen logistischen Ablauf zu sorgen.

Jeden Tag für vier Stunden stehen wir mit unserem umgebauten Transporter bereit um den Menschen zu helfen, die medizinische Unterstützung brauchen. Darüber hinaus machen wir auch „Hausbesuche“, wenn die Patient*innen nicht zu uns kommen können.
Die Kliniktage verlaufen ruhig. Bis zu 40 Patient*innen haben wir täglich, manchmal kommen auch nur 15. Die meisten kennen uns schon, kommen zum Verbandswechsel oder zur Nachbesprechung. Neuankömmlinge werden schnell auf uns aufmerksam. Verletzungen an den Füßen sind immer noch weit verbreitet, eine Erinnerung an die beschwerlichen Wege, die sie zurückgelegt haben.

Vorbereitungen für den Klinikeinsatz. Jeden Tag werden die Bestände geprüft und aufgefüllt. ©Selene Magnolia

Turbulente Lebensgeschichten

An den Abenden zeigt die Stadt ihre schöne Seite. Von unserer Unterkunft auf den Hügeln kann man sie fast in ihrer gesamten Länge überblicken. Schon merkwürdig zu wissen, dass bei aller Schönheit hier so viele Geflüchtete festsitzen, ohne zu wissen wie es morgen weitergeht. Der Smog hängt schwer über der Stadt.
In den letzten Tagen wird es tagsüber wieder wärmer, auch nachts ist es mittlerweile erträglicher. Kein Vergleich zu der bitteren Kälte noch kurz vor meinem Eintreffen, wie ich mir vom Vorgängerteam erzählen lasse. 

Besonders spannend sind die Gespräche, die ich zwischendurch immer wieder mit unseren Patient*innen führen kann.

Einige waren schon in Deutschland, Frankreich, Italien und wurden abgeschoben, andere versuchen, dort ihre Verwandten zu erreichen. Es gibt auch Menschen, die es schon nach Europa geschafft hatten, und dann noch einmal zurückgegangen sind um Verwandten und Freund*innen in Not an anderen Orten beizustehen. Dabei ist immer wieder beeindruckend wie viele Menschen hier mehrere Sprachen sprechen - häufig Zeugnisse ihrer Flucht- und turbulenten Lebensgeschichten. „Bewunderswert“, denke ich mir, freue mich dann aber doch darüber es nicht zu können, angesichts des Preises den viele dafür zahlen mussten.

Denn immer wieder erzählen unsere Patient*innen von Misshandlungen und Erniedrigungen durch bosnische oder kroatische Grenzbeamte. Ihnen wird Geld gestohlen, Handys und Brillen zerstört, Schuhe und Decken weggenommen und sie werden zurück über die Grenze geprügelt.

Hassans* Oberarm wird von unserem Team behandelt. Nach einigen Tagen geht es ihm schon wesentlich besser. ©Selene Magnolia


Verantwortung und Ignoranz


Einer der skurrilsten und eindrücklichsten Fälle für mich in diesen Tagen ist der von Hassan*. Seine Diagnose: ein großes Fragment ist aus seinem Oberarmknochen gebrochen.
Beim Versuch die Grenze nach Kroatien zu überqueren wurde seine Gruppe von der Polizei aufgehalten. Die Situation eskalierte, ein Polizist holte zum Schlag aus. Hassan hob, um sich zu schützen, seinen Arm so ruckartig, dass er nur mit der eigenen Kraft ein Stück seines Knochens ausriss. Unglaublich wie viel Panik man haben muss, um so eine Kraft aufzubringen.

Oder Mohammed*, der zusammengepfercht mit anderen Geflüchteten in einem überfüllten Polizeiauto fast erstickt wäre und dann von den Beamten verprügelt wurde.



Ahmed* wurden an der Grenze wiedermal die Handys durch die Polizei zerstört. ©Selene Magnolia


Fast jeder der Geflüchteten in Sarajevo erzählt ähnliche Geschichten. Das alles passiert in Europa täglich. Auch wenn die Europäische Union sich mit tödlichen Folgen abschottet, diese Menschen sind hier in Europa und brauchen eine Perspektive und unsere Unterstützung.

Unsere Arbeit hier ist wichtig und notwendig, sie bleibt aber leider nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Außerdem ist der Winter vorbei und damit auch unser Einsatz als Emergency Response.
Umso wichtiger, dass die EU ihre Pflicht anerkennt den Menschen helfen zu müssen und ihnen eine sichere Einreise und Chance auf Asyl zu ermöglichen, sofern der Friedensnobelpreisträger mitsamt seinen vielbeschworenen Werten ernstgenommen werden will.




*Namen geändert

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